|

Insulinresistenz – der Tag an dem Insulin keinen Zucker mehr in die Zellen bringen durfte

Ein Insulin-Molekül dachte, dass es ein Tag wie jeder andere wird, aber es war der Beginn von etwas Großem. Es sammelte nach dem Frühstück fleißig den Zucker Glucose im Blut auf und rief den Türstehern an Leber, Fettgewebe und Muskelzellen zu, die Schleusen zu öffnen. Die Türsteher hörten sofort auf sein Kommando, öffneten ihre Türen, und die Glucose strömte aus dem Blut in die Zellen hinein. So hielt das Insulin-Molekül den Blutzuckerspiegel stabil.
Es war gerade mit seiner Aufgabe fertig, als die Alarmglocke in der Bauchspeicheldrüse losging. Nach dem Frühstück kam schon der erste Snack – ein Schokoriegel und eine Banane. Schnell rutschte das Insulin-Molekül die Stange ins Blut hinunter. Es nickte seinen Kollegen zu und sie verteilten sich im Körper, um die Glucose einzusammeln und abzutransportieren. Das Insulin-Molekül ging in die Glucose-Fabrik der Leber und sagte dort Bescheid, dass keine Glucose mehr produziert werden muss, weil genug im Blut war und unterstützte dann die anderen Insulin-Mitarbeiter beim Glucose-Transport.

So ging es immer weiter. Jedes Mal, wenn es sich zur Ruhe setzen wollte, kam die nächste Kohlenhydrat-reiche Mahlzeit und die Alarmglocke schrillte. Das Insulin-Molekül wischte sich den Schweiß von den Stirn. Für so viel Arbeit wurde es eindeutig nicht gut genug bezahlt und gewertschätzt. Irgendwann sagten die Türsteher an den Zellen von Leber, Fettgewebe und Muskelzellen: „Halt! STOP! Keine weitere Glucose, wir sind voll ausgelastet.“ Das Insulin-Molekül probierte es weiter und weiter, aber die Zellen blieben resistent. Es wurde immer verzweifelter.
Da gab es etwas, was es nicht wusste; im Fettgewebe braute sich schon länger etwas zusammen. Die Fettzellen waren schon seit einer ganzen Weile konstant übervoll und sendeten unbehaglich Entzündungssignale als Warnfeuer durch das Blut. Auch die Leber wurde immer fetter und rief nach Hilfe. Dieses Meer an Botschaften blieb an den Türen kleben, sodass sie sich nicht mehr so gut öffnen ließen. Dazu kam noch, dass manche Zellen von Geburt an eigenwilligere Schlösser besaßen. Da hat es nur wenig gebraucht, bis sie angefangen haben zu klemmen. Deswegen erreichte das Insulin-Molekül manche Türsteher gar nicht, obwohl es klopfte und klopfte. Im Inneren der Zellen kamen die Signale nicht durch.

Während das Insulin-Molekül nun also von Zelle zu Zelle rannte, fing die Leber wieder an Glucose zu bilden, weil das Insulin-Molekül und seine Kollegen zu beschäftigt waren, um sie zu bremsen. So stieg der Blutzuckerspiegel höher und höher und immer mehr Alarmglocken schrillten im Körper. Immer mehr seiner Kollegen rannten und fuhren durch das Blut, aber sie wurden nicht mehr Herr der Situation. So ging Tag für Tag, Jahr für Jahr ins Land und das Insulin-Molekül rutschte immer mehr in den Burnout. Es setzte sich im Blut auf den Boden und schaute verzweifelt der Glucose hinterher. Mittlerweile hatten viele seiner Kollegen gekündigt, weil sie mit der Ablehnung der Türsteher an den Zellen nicht mehr klarkamen. Ein zweites Insulin-Molekül setzte sich neben es. „Jetzt kann alles passieren: Übergewicht, Typ 2 Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, und so weiter und so weiter.“ Das erste Insulin-Molekül nickte düster. „Wir haben getan, was wir konnten.“ Sie seufzten resigniert.

Und da geschah das Wunder: die nächsten Mahlzeiten enthielten schon viel weniger Kohlenhydrate. Sie trauten ihren Augen nicht. Der Mann Klaus in dessen Körper das Insulin-Molekül all die Zeit gearbeitet hat, hatte sich Hilfe geholt. An seiner genetischen Vorbelastung konnte er nichts ändern, er würde immer ein höheres Risiko für resistente Zellen mit verklebten Türen haben, als andere Menschen. Was er in der Hand hatte, war seine Ernährung zu ändern, sich mehr zu bewegen, seinen Stress zu reduzieren und vieles mehr. Klaus konnte an vielen Schrauben drehen und machte das in seinem Tempo.

So kam der wundervolle Tag an dem die Glucose wieder gut händelbar war. Das Insulin-Molekül jubelte und warf den Hut in die Luft. Dadurch, dass sich Klaus wieder mehr bewegte, riefen die Türsteher an den Muskelzellen ins Blut: „Wir brauchen wieder Glucose als Treibstoff! Könnt ihr dafür sorgen, dass wir welche bekommen?“ „Selbstverständlich!“ , rief das Insulin-Team glücklich zurück und gab das Signal zum Öffnen der Türen für die Glucose aus dem Blut. So wurde gerade noch rechtzeitig die Katastrophe verhindert und Insulin konnte wieder nach normalen Arbeitszeiten in den Feierabend gehen.

„An seiner genetischen Vorbelastung konnte er nichts ändern, er würde immer ein höheres Risiko für resistente Zellen mit verklebten Türen haben, als andere Menschen. Was er in der Hand hatte, war seine Ernährung zu ändern, sich mehr zu bewegen, seinen Stress zu reduzieren und vieles mehr.“

Quelle: Li M, Chi X, Wang Y, Setrerrahmane S, Xie W, Xu H. Trends in insulin resistance: insights into mechanisms and therapeutic strategy. Signal Transduct Target Ther. 2022 Jul 6;7(1):216. doi: 10.1038/s41392-022-01073-0. PMID: 35794109; PMCID: PMC9259665.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert